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                                                                                             Wels, am 2015-01-20

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Erziehung Floskeln - typische Elternfloskeln

Die duemmsten Elternsprueche


»Sitz gerade«, »Nach dem Essen sollst du ruhen« oder »Wer A sagt, muss auch B sagen«. Floskeln wie diese werden gern in der Erziehung - eingesetzt. Und auch, wenn in manchen ein wahrer Kern steckt, sind viele nicht nur aus pädagogischer Sicht - Unsinn. Denn wenn Ordnung das halbe Leben ist, was ist dann das ganze?

Nein, man muss nicht immer alles neu erfinden. Oft ist auch ein Rückgriff auf das sinnvoll, was schon unsere Eltern oder Großeltern gesagt oder getan haben. Gerade in der Erziehungsarbeit haben allerdings einige Floskeln überlebt, die schon ganze Generationen genervt haben. Und die es mit den Fakten nicht so genau nehmen - oder die zum Teil hanebüchener Unsinn sind.

Ein kleines Best-of aus dem BUCH 
"Solange du deine Füße...
"


»Schiel nicht, sonst bleiben die Augen stecken!«
Kindern kann man viel erzählen. Auch über ihren Körper, schließlich kennt man ihn in jungen Jahren noch nicht so gut, hat noch kein Körpergefühl entwickelt - und noch keine Ahnung davon, was biologisch überhaupt möglich ist, Für Eltern sind diese Wissenslücken ein willkommenes Terrain, um auf ihm Anleitungen zu sozial erwünschtem Verhalten einzupflanzen. Schielen tut man einfach nicht - also kommt die Warnung, dass davon die Augen stecken bleiben können. Was medizinisch völliger Humbug ist.

»Schluck den Kaugummi nicht er verklebt den Magen!«
So wie auch die Mär, dass ein geschluckter Kaugummi den Magen verklebt - oder gar sieben Jahre lang im Bauch liegen bleibt. Dahinter verbirgt sich eher die Angst der Eltern, dass der Kaugummi beim Schlucken versehentlich in die Atemwege gelangen könnte. Hat ein Kind tatsächlich Angst, weil es einen Kaugummi verschluckt hat, wenden manche Eltern übrigens scherzhaft eine positive Legende an: „Dann werden morgen Luftballons hinten rauskommen."

»Du kriegst vom Fernseh'n noch viereckige Augen!«
Was an viereckigen Augen schlecht sein soll, sei dahingestellt. Gemeint ist jedenfalls, dass zu viel Fernsehen die Augen schädigen soll - speziell, wenn man zu nah davor sitzt, weil dann, so heißt's bisweilen, irgendeine „Strahlung" aus dem Kasten komme. Die meisten Augenärzte dementieren zwar so eine Schädigung: Weil man weniger blinzle, würde die Netzhaut weniger befeuchtet und daher gereizt, heißt es nur. Auch würde die Muskulatur der Linse durch dauerhaft starre Fixierung überanstrengt und schmerzen.
Bei Kindern unter sechs Jahren könne es aber Probleme geben: Da ist das Auge noch in Entwicklung und braucht Training in Form von abwechslungsreichem Nah- und In-die-Ferne-Sehen bei verschiedenen Lichtverhältnissen. Stundenlanges Monitorglotzen „friere" das Auge bzw. Linsensystem quasi auf einem Zustand ein und mache es weniger geschmeidig. Die nachweislich generelle Verschlechterung kindlicher Sehkraft wird zumindest teilweise damit begründet. Das mit der Strahlung ist indes ein Märchen, vor allem bei Flachbildgerä-ten: Mehr als ein minimales elektromagnetisches Feld ist da nicht! Röhrengeräte senden zwar ionisierende Strahlung aus, sogar im Röntgenspektrum, aber in so winzigen Mengen, dass das niemand ernst nimmt - außer Gefah-ren-der-Technik-Hysterikerinnen.

»Früher haben wir's nicht so leicht gehabt wie du!"«
Also das ist einer dieser Mahnsprüche, bei denen man genauso oft danebenliegt wie man recht hat - und zudem viel kaputtmachen kann. Ja, früher war vieles schwieriger: Hygiene, Medizin, Rettungswesen und Ernährung etwa waren, jedenfalls bis vor vielen Jahrzehnten, schlechter, es gab mehr Kriege, das schlug sich in viel kürzerer Lebenserwartung nieder: Global aggre-giert waren es 1960 etwas mehr als 50 Jahre, heute sind es knapp 70. Das Essen war weniger abwechslungsreich und reichhaltig, die Erziehung strenger, Wohnen weniger komfortabel, es gab mehr und härtere körperliche Arbeit, Menschenrechte und Bildung waren weniger ein Thema, und so fort. Allerdings hat Wohlstand viele Dämonen: Überfettung, Allergien, Umweltverschmutzung, Dekadenz, die (Arbeits-) Konkurrenz wurde nicht geringer, Technologien wie Handy und Computer erzeugen so viel Stress, Beschleunigung und Druck, wie sie einem Arbeit und Freizeit angeblich erleichtern, und so fort. Und da Kinder mit der Zeit vor ihrer Zeit meist wenig anfangen können und keine Lust haben, sich für ihr Heute schuldig zu fühlen, bewirkt die „Früher"-Mahnerei leider häufig, dass sie Reißaus nehmen, wenn jemand Älterer mit dem Wort „früher" auch nur anfängt. So verpassen sie oft große, wichtige Geschichten - ja man vergällt vielen das Interesse an Geschichte überhaupt. Im Übrigen: „Früher war alles besser", hört man genauso oft.

»Geh nicht mit nassen Haaren hinaus!«
Die Zeit bis zur Abfahrt des morgendlichen Schulbuses ist knapp, dennoch will Teenager weder mit  fettigen Haaren noch mit schlecht sitzender Frisur im Unterricht erscheinen. Als Ausweg bleibt lediglich eine Handlung, vor der Eltern eindringlich warnen. Eine Lungenentzündung drohe, zumindest aber eine schlimme Ver-kühlung, ginge das jugendliche Kind mit nassen Haaren außer Haus. Diese Warnung kann jedenfalls in die Liste der populären medizinischen Irrtümer aufgenommen werden. Ein Infekt wird meist durch Viren verursacht, die sich zwar in der Kälte gut vermehren. Niedrige Temperaturen und nasse Haaren bewirken aber nicht automatisch eine Verkühlung. Ist man gesundheitlich bereits angeschlagen, kann der Ausbruch einer Erkältung beschleunigt werden. Ist das Immunsystem aber nicht geschwächt, kann die elterliche Warnung getrost in den Wind geschlagen werden.

»Man soll nicht mit vollem Bauch ins Wasser gehen!«
In der besonders bösen Variante dieser Warnung wird einem gedroht, man könne diesfalls gar einen Herzinfarkt erleiden. Aber wenngleich man als Kind noch nicht weiß, was das eigentlich sein soll, und einem noch viele Jahre bleiben, um den dazugehörigen Albtraum zu entwickelt, so haben die Mahner doch nicht ganz unrecht: Sicher kann man auch nach Leberkäse mit Pommes ins Wasser gehen und planschen oder ein paar Meter schwimmen, das ist wurst, speziell für halbwegs Gesunde.
Fakt ist aber, dass sich der Blutkreislauf vor allem in der halben Stunde nach einer größeren Mahlzeit auf den Magen-Darm-Trakt konzentriert und Blut dorthin pumpt, schließlich sind das Muskeln, die jetzt vorrangig versorgt werden müssen. Dafür wird die Durchblutung von Hirn und Skelettmuskulatur zurückgefahren - als Erwachsener fühlt man das, an leichter Müdigkeit, als Kind indes wohl nicht so stark. Wer jetzt also etwa den 100-Meter-Steg in den See hinausrennt, hineinspringt und versucht, zum Ufer zu kraulen, kann tatsächlich üble Kreislaufprobleme kriegen, inklusive Schwindel und Ohnmacht.
Auch drohen Krämpfe in Armen und Beinen.
Schwimmen mit leerem Magen ist übrigens auch nicht so toll.
Das kann eine kräftige Unterzuckerung auslösen, die sich in Nervosität, Schwächegefühl, Zittern, Krämpfen und Bewusstseinstrübung manifestiert. Weit draußen im Wasser ist das nicht gar so günstig.

»Morgenstund hat Gold im Mund.«
Wie viele Sprichwörter haben wir auch dieses den Römern zu verdanken. Es kommt aus dem Lateinischen und bezieht sich auf die personifizierte Morgenröte, die Gold im Mund und im Haar trägt. Gleichzeitig spielt das Sprichwort „aurora musis amica" „die Morgenröte ist die Freundin der Musen" - eine Rolle. Wer also morgens studiert, ist inspirierter und kann sich besser konzentrieren. Insgesamt soll der Spruch dem Kind wohl eher frühes Aufstehen schmackhaft machen. Dann hat man mehr Zeit zum Arbeiten und kann mehr leisten. Der Spätaufsteher, der seine Inspiration in der Abendröte findet, hält dem Sprichwort entgegen: Morgenstund ist ungesund.

»Du hast noch so viel Zeit vor dir, dass . . . «
Dieser Spruch lässt sich mit einem anderen Spruch erklären: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint." Wenn Eltern ihren Kindern sagen, wie viel Zeit noch vor ihnen liegt, wollen sie in erster Linie Druck aus manchen „Ich will aber jetzt"-Anfällen nehmen und in zweiter Linie sich selbst einreden, wie lang das Kind noch Kind und damit bei ihnen bleibt. Dass man manche Dinge aber einfach irgendwann erlebt oder erledigt haben muss und nicht mit allem auf später warten sollte, betonte die klinische Psychologin Meg Jay in ihrem polarisierenden TED-Talk „Why 30 is not the new 20". Durch zu wenig Druck und Anleitung bei Jugendlichen wachse eine antriebslose Twentysomething-Generation heran, die sich mit Karriere, Partnersuche und Familiengründung zu lange Zeit lasse und dann in den Dreißigerjahren in Stress gerate. Zwanzigjährige würden heute tatsächlich glauben, sie haben alle Zeit der Welt, obwohl sie sich in der wichtigsten Dekade des Erwachsenenlebens befänden. Was Frau Jay uns damit sagen will, ließe sich übrigens auch wieder mit einem Spruch zusammenfassen: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht . . ." Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

»Ein Indianer kennt keinen Schmerz.«
In Zeiten, als Cowboys und Indianer noch mehr Bedeutung als Rollenvorbilder für Kinder hatten, war dieser Spruch so etwas wie ein Ehrenkodex. Und vor allem bei Buben ein Hilfsmittel, sie vom Weinen und aus Sicht der Eltern vielleicht auch von allzu großer Wehleidigkeit abzuhalten. So wie bei „Buben weinen nicht" wird dabei ein Männlichkeitsbild geprägt, das stummes Ertragen von Leid und Verdrängen von Gefühlen quasi als Ideal darstellt. Gleichzeitig wird aber auch das Klischee des edlen Wilden bedient, das einer bestimmten Ethnie auch bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Wobei das Bild des Indianers hierzulande vor allem auf eine Person zurückgeht auf Karl May. Und der hat bekanntlich niemals selbst einen Indianer kennengelernt. Hugh, ich habe gesprochen.

»Das ist ja das Beste!«
Der individuelle Geschmack verändert sich. Kinder mögen Süßes, dafür fangen sie mit Scharfem oder Bitterem oft nur wenig an. Broccoli stößt da etwa nur auf wenig Begeisterung. Aber nicht nur der Geschmack, auch die Konsistenz von Speisen kann auf Kinder abschreckend wirken - ein dicker Fettrand am Kotelett ruft oft Würgereiz hervor. Dieser geschmackliche Unterschied zwischen Generationen wird verbal gern in ein verständnisloses „Das ist ja das Beste" verpackt, ehe man dem weinenden Kind den Fettrand vom Fleisch schneidet. Als Kind ist es das aber einfach nicht. „Du wirst schon nach draufkommen, was gut ist" klingt ebenso altklug. Aber immerhin, man gesteht dem Kind zu, dass sich sein Geschmack noch ändern wird. Und tatsächlich, das Alter, in dem es auch gern zur Bitterschokolade greift und lieber herbes Bier als süßes Cola trinkt, wird schon noch kommen. Und wenn nicht? Ist es auch egal.



BUCH
»Solange du deine Füße . . . «
Was hinter Floskeln steckt
Der deutsche Wissenschaftsjournalist    Walter Schnmidt   widmet sich in seinem neuen Buch den Hintergründen von Erziehungsfloskeln. 
Ist das Gehirn unter Stress, greift es auf bewährte Strategien zurück. Das kann auf einer archaischen Ebene Flucht oder Kampf sein, im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs dagegen sind es oft Phrasen. Fertig abgespeicherte Sprüche oder Redensarten, die man selbst schon als Kind gehört hat. Auch wenn man genau die früher gehasst hat. „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst . . . !" ist einer jener Sprüche, der dem deutschen Wissenschaftsjournalisten Walter Schmidt besonders sauer aufgestoßen ist. Als Drohgebärde, mit der Eltern einfach ihre Macht klarstellen wollen, „wo eigentlich Diskurs gefragt wäre", wie Schmidt in seinem aktuellen Buch schreibt. Das trägt konsequenterweise auch genau diesen Titel.
„Solange du deine Füße . . ." versammelt 60 typische Elternfloskeln, die offenbar über Generationen weitergereicht werden, auf kurzweiligen 286 Seiten. Von Sprüchen entnervter Eltern wie „Frag mir keine Löcher in den Bauch!" über das kindliche „Ein Löffel für Mami, ein Löffel für Papi" bis zum hilflos-aggressiven „Jetzt reiß dich mal zusammen!" Wobei es Schmidt nicht bei der Aufzählung belässt, sondern jede Phrase anhand von Geschichten und Meinungen von Experten in Hinblick auf Sinn und Nutzen hinterfragt.
Der Bonner Journalist unterteilt die Floskeln dabei in mehrere Kapitel - begonnen von Sprüchen neunmalkluger Eltern („Für Sex bist du noch viel zu jung!") über das Warnen vor Gefahren („Das ist pfui, lass das liegen!") und  Anweisungen zum guten Benehmen („Was sollen denn die Nachbarn denken!") bis zu Abschnitten über Essen („Anderswo hungern die Kinder, und du wirfst dein Pausenbrot weg!"), Trösten („Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!" und Erfolg („Ohne Fleiß kein Preis!"). Schließlich liefert der Autor noch ein Kapitel über Sprüche zu Vermögen - inklusive des Klassikers „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach!"
Taube oder Spatz? Wobei er bei letzterer Floskel aufschlüsselt, dass man sie so oder so verstehen kann. Als „Wunsch vieler Eltern, den Kindern die Tugend der Bescheidenheit zu vermitteln" auf der einen Seite, schließlich führe das Streben nach mehr, als man für ein zufriedenes Leben braucht, auf einen sicheren Weg ins Unglück. Auf der anderen Seite lässt sich der Spruch auch als Problem begreifen, dass viele lieber ihr Geld für unwesentliche Dinge ausgeben, als es für größere Projekte anzusparen. Und so geht einem „manch fette Taube durch die Lappen", weil man nach dem leicht erreichbaren Spatz gegriffen hat.
Doch nicht jeder Spruch, den Eltern ihren Kindern eintrichtern, muss schlecht sein, folgert Schmidt. „Man darf nie aufgeben" ist einer davon. Er kann helfen, Kindern zu zeigen, dass man sich nicht in sein Schicksal fügen soll. Allerdings, und hier liegt der Haken: Es genügt nicht, die Kinder dazu nur mit Worten zu ermutigen. Man muss es ihnen auch vorleben.

BUCH: Solange du deine Füße . . . , Was Erziehungsfloskeln über uns verraten., Walter Schmidt, Eichborn-Verlag 2012, ISBN: 978-3-8479-0563-9, 286 Seiten, € 15,50


Solange du deine Füße...

Was Erziehungsfloskeln über uns verraten

von Walter Schmidt

Buch

Taschenbuch(288 Seiten)

1. Auflage 2014

Sprache: Deutsch


Kinder können einen wahnsinnig machen. Und plötzlich ertappt man sich bei einem Spruch, den man selbst schon als Kind gehört - und vor allem gehasst hat. Was steckt hinter unseren Erziehungsfloskeln?
Wenn sie wenigstens nützen würden...Oder  schaden und verletzen manche nur? Welche Werte geben wir damit tatsächlich weiter? Und welche Erkenntnis über mich als Erzieher kann ich daraus gewinnen?
Walter Schmidt diskutiert mit Experten 60 typische Elternsprüche und zeigt die  verschiedenen Möglichkeiten, eingefahrene Verhaltensweisen zu ändern.
Ein Buch, das auf unterhaltsame Weise Eltern dazu einlädt, über sich und die großen und kleinen Fragen des Lebens nachzudenken.
Und so manche Floskel dann doch endlich auf die Müllhalde zu werfen.


ISBN-10: 3-8479-0563-5


Erschienen: 13.03.2014
Verlag: Eichborn Verlag
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 1. Auflage 2014
Seitenzahl: 288
Länge/Breite: 21,5cm/13,4cm
Gewicht: 393 g





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Impressum: Fritz Prenninger, Haidestr. 11A, A-4600 Wels, Ober-Österreich, mailto:[email protected]
ENDE